In Tunesien
Tunesische Flagge
Eines Tages stolperte ich in einer Zeitschrift über eine Anzeige über Reitwandern in Tunesien. So etwas hatte ich nie gemacht, forderte also nähere Informationen an und nachdem mir der Kontaktmann dann glaubhaft versichert hatte, daß Araber-Hengste nette, umgängliche Tiere seien, bin ich also Ende Oktober nach Tunesien geflogen.
AFRIKA. Es war nicht das erste Mal, daß ich dort war. Vor Jahren hatte ich mit meinem 1. Mann (ja, ja, ich bin nicht mehr so taufrisch) ein paar Sahara-Durchquerungen unternommen und ich kannte Tunesien vom Durchfahren. Aus dem Flugzeug gestiegen war es wie ein Heimkommen. Ich weiß nicht - ist es das Licht, oder die Geräusche, vielleicht der Geruch? Gisela, die Gastgeberin fischte mich zielsicher aus dem Touristenstrom heraus, verfrachtete mich in den Geländewagen und wir fuhren ca. 150 km westlich von Tunis an das Mittelmeer. Hier war ein Lager am Strand aufgeschlagen, an den Bäumen rundherum waren die Pferde angebunden und am Lagerfeuer lernte ich ersteinmal die anderen Leute kennen.
Die ersten paar Tage brauchte ich, um mich an diese kleinen, spillerigen Pferde zu gewöhnen. Ich kannte bislang nur Warmblüter und hatte immer das Gefühl, daß ich die kleinen Kerle schon beim aufsteigen umwerfen könnte. Aber es waren wirklich nette kleine Kerle, die nicht umfielen und wunderbar zu reiten waren. Schöne Ritte am Strand und in den angrenzenden Bergen, wir waren mit den Pferden im Meer schwimmen und ich war das erste Mal in meinem Leben ganz allein mit einem Pferd im Gelände unterwegs. Es gab dann noch einmal einen Pferdetausch, ein paar wurden weggebracht, andere kamen und da traf ich das erste Mal den Taboun. Er war damals 3-jährig, ganz ein Baby-Pferd noch und ganz schüchtern. Auf dem nun folgenden Trailritt lief er als Handpferd mit (ganz frei, es gibt wenig Straßen dort, das kann man sich hier gar nicht vorstellen). Aber das ist noch nicht die Taboun-Geschichte.
 
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Auf dem Trail waren wir nur zu dritt. Noch ein Tourist, ich und ein Tunesier. Das Gepäck wurde im Auto immer hinterhergefahren und abends kamen wir meist in ein fertiges Lager. Es war ein wunderschöner Ritt. Viele km am Strand entlang und dann hinein in das Mittelgebirge. Es ist ganz und gar unwegsam, sehr steinig, die einzigen Lebewesen die wir unterwegs trafen waren Ziegen und Schafe, ganz selten mal ein Mensch.
Lichte Wälder aus Kork- und Steineichen und wir ritten auf schmalen Trampelpfaden. Die Pferde total trittsicher - wie die Bergziegen konnten sie klettern. Schroff eingeschnittene Flußtäler mußten durchquert werden, oft ging der Weg in den Flüssen entlang. Erstaunlich fand ich, daß die Hengste so nett untereinander waren. Gut, es waren auch keine Stuten in der Nähe. Aber es war gar kein Problem nebeneinander zu reiten, oder dicht hintereinander, das hätte mit unseren Reitschulpferden mehr Probleme gegeben. Je mehr wir aus den Bergen herauskamen, umso besiedelter wurde es, die Eichen verschwanden und statt dessen gab es Olivenbäume. Die kannte ich bis dahin nur von weitem und war ganz erstaunt, wie hart diese Äste sein konnten. Da stand nämlich so ein ganz dicker Olivenbaum und der Pfad ging genau drunter durch. Ein Ast hielt mein Kopftuch fest und so bat ich meine Mitreiter, doch mal eben zu warten und ritt zurück. Irgendwie passte ich nicht so richtig auf und ein Ast hing direkt vor meinem Gesicht - das Pferd ging natürlich weiter. Und dann hing ich da: mit den Händen an den Ast geklammert, die Füße hingen in den Steigbügeln fest - zum Glück hielt Rimel dann an, als er merkte, daß irgendwas nicht stimmte (ich hab geschrien) und wartete brav, bis mich die Männer vom Baum gepflückt hatten.
Das gemeinste am Reiten in Tunesien ist der Mangel an Toiletten. Es ist nämlich so: Du bist mitten in der Wildnis. Keine Menschenseele ist zu sehen, also begibst Du Dich in ein Gebüsch. Und kaum bist Du da beschäftigt, tauchen unter Garantie eine Horde Ziegenhüter auf und starren Dich an. Daran werde ich mich glaube ich NIE gewöhnen.
Unser Ziel war das Gestüt von Gisela. Sie ist eine Deutsche und lebt schon seit über 20 Jahren dort in Tunesien und hat sich ganz und gar der Araberzucht verschrieben. Sie hatten damals eine Herde von ca. 40 Stuten und Jungpferden und etwa 12 oder 13 Hengste. In Jehol Sahraoui (der auch der Papa von Taboun ist) sah sie den alten Typ Wüstenaraber und hat ihn für alle ihre Stuten eingesetzt. Das Ergebnis war eine Herde fast gleicher Pferde. Alle braun ohne Abzeichen, das gleiche Gesicht - bis heute habe ich Schwierigkeiten, die Pferde auseinander zu halten. Die letzten Tage verbrachte ich mit Ausritten rund um die Ferme - es waren wunderbare Tage in denen ich viel gelernt habe. Pferde die naturnah gehalten werden, barfuß hunderte von km laufen können, arbeitswillig und leicht zu händeln sind, waren mir bis dahin doch eher unbekannt. Gisela hat mir viel erzählt von Pferden im allgemeinen, von ihren Pferden im Besonderen und schon hatte ich ihn weg. Den Arabitis-Virus.

.........die letze Tat auf dieser Reise war, daß wir den kleinen Taboun in einen Pferdehänger praktizierten und auf der Rennbahn in Kasar Said ablieferten. Er sollte anfangen, sich seine Gerste zu verdienen.

Ich flog wieder nach Hause und landete dort von einer Krise in der Nächsten. Keine gute Zeit. Irgendwann im düsteren Winter traf ich zufällig, einen alten Reitstundenfreund der von einer Reitbeteiligung wußte und ich hatte so auf einmal ein Pferd, um das ich mich so gut wie alleine kümmern konnte. Ritt also auch viel, gondelte im Gelände herum (hatte ich ja gelernt in Tunesien) und langsam ging es mir wieder besser. Eines Tages fragte mich Christoph (dieser besagte Freund), ich wäre doch im Herbst da in Tunesien gewesen? Er hätte jetzt die Frühjahrestour gebucht und ob ich nicht Lust hätte mitzufahren. Und ob ich Lust hatte! Aber überhaupt keine Knete. Also überlegt, einen Brief an Gisela geschrieben: braucht ihr keine Hilfe auf dem Ritt?? Die Woche drauf kam die Antwort: wir brauchen! Komm mit! So kam es, daß ich Ende März schon wieder in Tunesien war. Die vorgesehene Strecke ging von der Ferme von Gisela aus nach Süden zu einem der 3 tunesischen Staatsgestüte. Dieser Treckingritt war aus der Not heraus entstanden, daß laut tunesischem Zuchtgesetz die Vollblut-Araber-Stuten auf einem Staatsgestüt gedeckt werden müssen (unter der Aufsicht eines Beamten), dort bleiben müssen bis sie sicher belegt sind und auch dort abfohlen mußten (hat sich in der Zwischenzeit zum Glück geändert). Deshalb ergab sich die Notwendigkeit, immer alle Stuten zum Decken und zum Abfohlen ca. 300km weit zu transportieren, was bei mehreren Stuten schon ein Problem ist. Gisela hatte es eben so gelöst, daß die Stuten zum Decken die Strecke wanderten, die tragenden Stuten wurden gefahren. Da der Lieblingshengst von Gisela auch mit musste (der Papa von Taboun), ging also eine gemischte Gruppe auf die Reise. 8 Stuten, ein 6 Wochen altes Fohlen und zwei Hengste. Die Stuten hatten als einziges Ding zum lenken, bzw. bremsen ein Reithalfter am Kopf (ja, ja, die normalen Hanoverschen Reithalfter, ohne die dazugehörige Trense), die Hengste eine blanke Kandare und so zogen wir denn los, gen Süden. Vorne ein Hengst, hinten ein Hengst, dazwischen die gerittenen Stuten und eine freilaufende Stute mit ihrem Fohlen.

Lageridylle
Die erste Etappe war nicht so lang, so hatten wir Zeit, morgens alles zu sortieren und in die Gänge zu kommen (was bei 8 Reitern doch immer einige Zeit beansprucht). Am späten Nachmittag erreichten wir den Lagerplatz, aber es war kein Auto, keine Gisela, dementsprechend auch nichts zu essen und zu trinken da. Also saßen wir da auf unseren Satteldecken und warteten und ich verbrachte die meiste Zeit damit, die etwas sauren Leute zu trösten. Der arme Chedli, der unser Führer war, war ganz hilflos - er konnte ja nichts ändern an der dummen Situation. Erst als es schon dämmrig wurde, tauchte dann Gisela auf, in Windeseile bauten wir das Zelt auf und bereiteten etwas zu Essen zu und so langsam wurde die Stimmung wieder besser. Morgens nach dem Frühstück ging es dann weiter, wir kamen aus dem Einzugsbereich der Stadt langsam heraus und mit jedem Schritt wurde es immer wilder und einsamer. Bald sah man nur noch vereinzelte Ziegen- und Schafherden und gegen Nachmittag hatten sich auch die Pferde daran gewöhnt und gingen ein gleichmäßiges Tempo. An diesem Abend kamen wir in das schon aufgebaute Camp - jetzt war es richtiger Urlaub.
Die Landschaft veränderte sich ständig. Große Ebenen wechselten sich mit Bergstöcken ab, in denen die Pferde wie die Bergziegen auf schmalen Pfaden entlangkraxelten, dann wieder lange Strecken in einer topfebenen Gegend, wo man auf wunderbaren Sandwegen auch mal ein schönes Galöppchen reiten konnte. Ach ja, die Pferde sind die ganze Strecke völlig unbeschadet barfuß gelaufen. Sie haben Hufe wie aus Eisen. Nix ausgebrochen oder abgesplittert, obwohl es wirklich sehr steinig dort ist. Während wir so still vor uns herritten bekam die Stute von Daniela aus heiterem Himmel den Sausewahn und rannte weg von der Gruppe, im Affenzahn. Zum Glück war Dani ausgesprochen sattelfest und nach ca. 5min. tauchten die Beiden wieder am Horizont auf, galoppierten noch mitten durch die Reitergruppe hindurch und kamen dann, hinter einem Graben zum Stehen. Dani bekam dann für ihre Rennstute doch eine Trense, zum Glück kam sonst kein Pferd auf die Idee solche Aktionen zu starten.
...auf dieser letzten Tour, von der ich am Berichten war, war das Wetter sehr gemischt. Wenn die Sonne schien und kein Wind war, war es herrliches Sommerwetter, aber meist war Wind und dadurch etwas fröstelig. Im Winter hatte es unglaubliche Regenfälle gegeben (ganz unüblich für Süd-Tunesien) und viele Wege waren noch sehr matschig. Am Abend vor dem Ruhetag tauchte Gisela mit dem Pferdehänger und zwei hochtragenden Stuten auf, die sie nach Maknassy ins Staatsgestüt zum Abfohlen bringen wollte. Es waren noch etliche km bis dorthin und weil sie nicht alleine fahren mochte, fuhr ich kurzerhand mit, am Ruhetag war nicht so viel zu tun im Camp, das passte prima. Die Straßen sind nicht gerade im besten Zustand, es gibt viele tiefe Löcher und wenn ein LKW kommt, muß einer runter von der Teerdecke. Und weil Gisela müde war, kam ich zu meiner ersten Geländewagenfahrt mit Pferdehänger. Wer Auto fahren kann, kann auch Hänger ziehen, meinte sie ganz lapidar. Nach einem Reifenwechsel mit Taschenlampenbeleuchtung kamen wir im Morgengrauen im Gestüt an. In einer großen alten Scheune waren die Boxen, aber es gab keine freien Plätze mehr. Gisela sollte die Stuten in einer Garage unterbringen. Keine Fenster, aber auch keine Türen, keine Möglichkeit die Pferde zu trennen. Nach kurzem Überlegen zogen wir dann los, sammelten auf dem Gelände alle Drähte (die Heuballen werden mit Draht gebunden) und drehten dann in stundenlanger Arbeit Drahtkabel, befestigten das eine oder andere Stück Holz daran und bauten so eine provisorische Doppelbox für die Mädels. Gisela organisierte noch die Versorgung der Beiden und wir machten noch Besuche.
 

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im Bild die beiden Hengste:
vorne der Braune ist Jehol Sahraoui, der Schimmel ist Dahil, man sieht, dass sie sich nicht gerade lieben - und das Ohr von Moniet

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Wir besuchten also irgendwelche Leute, organisierten alle möglichen Dinge, kauften ein, guckten noch mal nach den Stuten und fuhren dann wieder zurück zum Camp. Die hatten in der Zwischenzeit einen Besichtigungstag gehabt und eine Tagesetappe weiter geritten. Das Lager war jetzt in einer Ebene in der direkten Nachbarschaft von zwei muselmanischen Heiligtümern (Marabut) aufgeschlagen. Am nächsten Morgen ging es dann wieder zu Pferde weiter. Wir hatten die Berge hinter uns gelassen und ritten durch eine große Ebene, in der sich viel von dem Regenwasser gesammelt hattte. Stellenweise sah man den Weg gar nicht mehr, man hatte das Gefühl durch einen See zu reiten. Jürgen, unser Troßfahrer sagte uns in der Mittagsrast, daß er den Lagerplatz ca. 10 km weiter nördlich aufschlagen würde, der übliche Platz stände unter Wasser.
Abends kamen Bauern mit ihrer Stute vorbei, sie hatten gehört, daß wir mit zwei Hengsten unterwegs waren und sparten sich so die Reise zu einem Hengst.
Wir hätten am Morgen früh losreiten müssen weil die Strecke ja jetzt 10 km länger war. Aber es ist so gut wie unmöglich, eine Gruppe von 8 oder 9 Reitern vor 9 Uhr morgens aufs Pferd zu bekommen. Chedli, unser Führer war ganz unruhig und sagte, wir müssen heute schnell reiten, sonst schaffen wir die Strecke nicht. Also ging es flott von dannen. Zur Mittagsrast trafen wir Jürgen, der es gerade geschafft hatte, den Landrover mitsamt dem Pferdehänger in einer riesigen Pfütze festzufahren. Gemeinsam versuchten wir fast eine Stunde lang, das Gespann wieder freizubekommen. Ohne Erfolg. Aber zu unserem Glück kam ein Raupenschlepper vorbei und für ein paar Dinar zog der es dann raus und wir konnten weiter. Stellenweise hatten die Pfützen See-Format und in einer solchen rutschte der Hengst von Christoph aus, rutschte in einen Graben und nur der Kopf guckte noch raus. Christoph war bis zur Hüfte tritschnaß, zum Glück war es nicht so kalt. Wir ritten sehr flott weiter und als die Sonne langsam anfing den Horizont rot zu färben waren wir vor dem Bergzug angelangt, den wir noch überqueren mußten um zum Lagerplatz zu kommen. die Wege wurden immer schlechter und so war es tatsächlich schon finster als wir den Einstieg in die Berge suchten.
Entweder hatte sich Chedli verritten, oder der Weg war wirklich vom Regen weggespült worden. Wir irrten hin und her, dann meinte er den Weg gefunden zu haben. Die Pferde kraxelten tapfer über die Steine, dann hörte der Weg auf und wir hatten obendrein die Richtung verloren. Das letzte Stück waren wir (fast) alle gelaufen, es war gnadenlos steinig und wir waren alle völlig erschöpft. An einer passenden Stelle versammelten wir uns und nach einem kurzen Rundblick stellten wir fest: das Fohlen war nicht mehr da! Den ganzen Tag war es tapfer hinterhergelaufen und nun war es weg! Die Stute war so müde - es war ihr wurscht. Chedli war völlig erschüttert. Er saß auf einem Stein und sagte nur noch: Gisela bringt mich um, wenn das Fohlen weg ist. Nach einigen Hin und Her Überlegen kamen wir aber zum Schluß, daß es noch nicht lange weg sein konnte. Also nahm ich eine Taschenlampe und machte mich af die Suche. So ungefähr den Weg wieder zurück und tatsächlich: nach einer halben Stunde fand ich es. Es war ganz begeistert endlich wieder mal jemanden zu treffen, den es kannte und ging ganz artig mit mir zu seiner Mama. Wir wußten wirklich nicht, was wir tun sollten. Es war schon 10 Uhr, stockfinster und kalt. Hier zu übernachten wäre schreckllich geworden, nichts zu essen und vor allem nichts zu trinken für die Pferde. Nach kurzen Beratschlagen ritten wir auf denm einzig gangbaren Weg zurück, in der Hoffnung auf ein Haus. So war es denn. Wir kamen zu einer kleinen Ortschaft und die Leute rissen sich fast die Beine aus um uns zu helfen. Aus dem Dorfladen brachten sie Cola und Kekse, jemand bracht Eimer mit Wasser und zwei Ballen Heu für die Pferde. Chedli fand den Besitzer eines Autos und der fuhr mit ihm los, den Lagerplatz zu suchen. Wir versorgten erst einmal die Pferde und ich versuchte dann Gemüter zu beruhigen, die meinten, sie hätten schließlich Vollpension gebucht und jetzt eben Hunger....
Nach Mitternacht kam Chedli zurück und sagte, daß er Jürgen nicht gefunden hätte. Die Strasse, die eigentlich zu dem Lagerplatz führte, sei völlig überschwemmt und unpassierbar. Nach kurzem Palaver hatten wir dann aber eine Lösung. 5 von uns gingen mit zu einem Dorfbewohner, der Matten und Decken zusammensuchte und übernachteten da. Daniela, Chedli und ich machten uns ein Lagerfeuer, wir suchten alle Pferdedecken zusammen und schliefen bei den Pferden. Morgens brachten uns die Leute Brot und Tee, die Pferde bekamen noch ein Scheibchen Heu und bei Tageslicht war es dann auf einmal gar kein Problem mehr, den richtigen Weg zu finden. Aber nicht nur den fanden wir, sondern auch meine kleine Kamera, die mir des Nachts abhanden gekommen war.
Der arme alte Dahil, der tags zuvor in dem Schlammloch fast völlig verunken war, hatte die absoluten Probleme mit dem weiterlaufen. Er hatte eine ganz steife Hinterhand und Christoph beschloß, bis zum Lager zu laufen. Das Fohlen war auch völlig übermüdet und hungrig, Daniela und ich nahmen es zwischen uns und schubsten es immer an, wenn es stehenbleiben wollte. Aber auch die Menschen waren todmüde und so kam es, daß bei einem Halt die Pferde zu dicht zueinander kamen und die alte Bint nach dem Hengst von Annette austrat. Klar, der Hengst bekam den Tritt natürlich nicht ab, aber Annette. Und zwar genau in den Solar plexus. Sie klappte wie ein Taschenmesser zusammen und lag ohnmächtig da. Waren wir froh, als sie anfing zu stöhnen und die Augen wieder öffnete! Zum Glück war es aber nur eine Prellung, aber die Schmerzen hatte sie noch einige Wochen später.
 

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DIE Sanddüne

Tatsächlich erreichten wir nach ca. 2 Stunden das Lager (in der Nacht waren wir bis ca. 1/2 Stunde drangekommen, aber ohne Weg? Im stockfinsteren?). Jürgen war doch reichlich erleichtert, als wir endlich eintrudelten. Natürlich hatte er sich riesige Sorgen gemacht. Die Zufahrtstraße war tatsächlich nicht passierbar gewesen, er hatte auch einen riesigen Umweg machen müssen. Nach einer ausgiebigen Pause mit essen, trinken, Klamotten wechseln ritten wir dann am späten Nachmittag das letzte Stück nach Maknassy. Das Gelände war noch einmal supertoll zum galoppieren, allerdings fuhren Dahil und Christoph mit in dem Versorgungsfahrzeug. Mit dem Einbruch der Nacht erreichten wir wohlbehalten das Staatsgestüt und das Lager. Unser Fohli warf sich mit elegantem Schwung auf die erstbeste Isomatte und war heilfroh, daß es nicht schon wieder einen Nachtritt gab. Beim Lagerfeuer feierten wir noch kurz Abschied, die Anderen fuhren mit dem Nachtzug zurück nach Tunis und nach Hause. Aber ich durfte noch eine Woche in Maknassy bleiben, auf die Pferde aufpassen.
Da ja in dem Staatsgestüt nicht ausreichend Boxen vorhanden waren, blieben unsere Pferde angepflockt im Lager. In Tunesien werden die Pferde entweder am linken Vorderfuß oder mit dem Strick um den Hals am langen Strick angepflockt. E-Zäune oder überhaupt Zäune gibt es nicht. Die Pferde kenne es nicht anders, aber es muß eben immer eine Wache da sein, falls sich ein Pferd doch einmal im Strick verhängt oder sich festlegt (oder sich entfesselt und andere Pferde hauen geht oder so). Obendrein mußten die Pferde 2x am Tag zur Tränke gebracht werden, die ca 1km vom Lager entfernt war. Wir waren 5 Leute und eigentlich den ganzen Tag damit beschäftigt, die Pferde zu versorgen. Aber nachmittags nahm ich mir immer die Zeit, sattelte meine zickige Moniet und erkundete die Gegend. Moniet war ein schreckliches Pferd. Sie konnte mich und andere Menschen gar nicht leiden. Mochte nicht angefaßt werden, Hufe auskratzen war schlicht unmöglich, Satteln fand sie ätzend, immer mußte man auf der Hut vor Zähnen und Hufen sein. Aber beim reiten war sie nett, jedenfalls sobald man sie davon überzeugt hatte, daß man wirklich alleine vom Lager weg wollte.
An einem Abend waren die Männer von den Gestütsleuten zum Abendessen eingeladen worden. Wohlgemerkt: die Männer! Sie hätten mich wohl einfach auch mitgenommen, aber 1. war ich nicht eingeladen, 2. kann ich kein Arabisch und 3. mochte ich mich dort nicht in die Küche zu den Frauen setzen, dazu hatte ich an dem Abend keine Lust. Also übernahm ich die Pferdewache und die Jungs freuten sich. Irgendwann fing es an zu regnen und gegen 10 kroch ich in meinen Schlafsack. Ich wachte davon auf, dass jemand brüllte:"ANDREA, WAS TUST DU DA?" Schlaftrunken setzte ich mich auf, blinzelte in eine Taschenlampe und fragte was denn los sei (und dachte natürlich an die Pferde). "DU SCHWIMMST JA GLEICH WEG!" rief Chedli und so war es. Es regnete nicht mehr, es schüttete. Und genau da, wo das Zelt stand, floß das ganze Wasser in einem reißenden Sturzbach. Die ganze Nacht schanzten die Männer und gegen Morgen wurde es dann langsam besser.
Die zwei trächtigen Stuten bekamen allerliebste Fohlen, die auf staksigen Beinen durch die Gegend wackelten, die anderen Stuten wurden gedeckt, es war tierisch interessant dort, aber irgendwann kam dann auch mein letzter Tag. Noch einen letzten Ausritt wollte ich mir gönnen, fand aber so recht keinen passenden Sattelgurt für's Moniettchen. Nahm also einen, der etwas zu lang war. So ca. 3km hinter dem Camp dachte ich, wir könnten ja auch mal ein Stück traben, Moniet hatte aber keinen Bock, drehte auf dem Hinterfuß um und galoppierte zurück. Mitsamt dem Sattel rutschte ich rum und krachte ohne Sattel volle Breitseite auf einen Erdwall. Sturzerprobt, hielt ich aber die Zügel fest und nach ein paar Metern wurde ihr das dann zu dumm, mich hinter sich her zu schleifen und hielt tatsächlich an. Ich kam mir vor wie durch den Wolf gedreht. Und natürlich war keine Menschenseele weit und breit. Unter größten Mühen bekam ich den Sattel wider aufs Pferd und mit noch größeren Mühen mich auch. Es war höllenmäßig, aber ich hätte nicht so weit zurücklaufen können. Im Schneckentempo sind wir dann zurück. So zerschlagen wie ich war (Platzwunde auf der Nase, Prellungen am Brustkorb.....) saß ich dann abends im Zug, am nächsten Morgen im Flieger und nachmittags war ich zu Hause.

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